Trauer

Innerhalb von 4 Wochen versterben erst der jüngere Bruder, dann die Mutter. Vieles muss geregelt werden: Beerdigungen, Trauerfeiern, Nachlässe, etc. Bei den Beerdigungen trifft man lange nicht gesehene Verwandte und Bekannte wieder. All das wühlt auf, aber der Aufruhr – jedenfalls der größte Teil davon – bleibt im Inneren verborgen.  Zunächst geht es nur darum, die Pflichten zu erledigen. Erst danach beginnt die eigentliche Arbeit.

Bei meinem Bruder weiss ich nur vom Hörensagen, wie seine letzten Augenblicke in dieser Welt abliefen. Er ist allein verstorben und die die Ihn zuerst gefunden hatten, haben mir berichtet. Ich versuche mir, vorzustellen, was geschehen war, ich lebe es nach und versuche, sein inneres Erleben in diesen Momenten des Abschieds zu erspüren. Gleichzeitig kann ich nicht anders als auch über mein Leben und Sterben zu sinnieren. Sein so im inneren „Theater” nacherlebtes Sterben kann ja nur eine Variante meines – befürchteten, erwarteten, möglichen, sicheren – Sterbens sein. Er ist seinen Sterbensweg bereits gegangen, ich werde meinen – einen nur äusserlich anderen – noch gehen.

Bei meiner Mutter war ich dabei, als Sie starb. Wir waren allein in dem Raum, in dem Sie die letzten Jahre Ihres Lebens verbracht hatte. Sie hatte einen Schlaganfall erlitten und war sterbend; ich war der einzige direkte Verwandte, der auch die Möglichkeit hatte, rechtzeitig zu kommen, als Ihn die Nachricht von ihrer Erkrankung ereilte. Nun war ich also hier, in diesem Raum, in dem ihre wenigen Kleidungsstücke und ein sehr überschauberer Satz an Gegenständen und Fotos mit Erinnungswert versammelt waren. Umgeben von Erinnerungen an ein langes Leben schickte Sie sich nun an, endgültig zu gehen. Was bleibt von einem Leben, wenn diese Stunde naht, wenn die letzte Lebensphase der Erinnerung in das Vergessen übergleitet? Bei wem ist dieses Leben und seine Ereignisse dann aufbewahrt? Es blieb, ihr so viel menschliche Nähe wie irgend möglich zuteil werden zu lassen. Das habe ich getan. Aber es ist der Glaube, der in diesen Stunden besonders hilft. Er hilft – davon bin ich einfach überzeugt – dem Sterbenden, seinen Weg anzunehmen und voller Frieden zu gehen. Er hilft dem, der weiterlebt, sein Leben neu wahrzunehmen und in diesem – seinem – Leben weiter voranzuschreiten.

Vieles schwingt in solchem Augenblick mit:

  • Auf einer technisch-oberflächlichen Ebene gehen einem Themen wie die bevorstehende Bestattung, die zu treffenden Entscheidungen, etc. durch den Kopf. Diese organisatorische Ebene des Abschieds ist nicht unwichtig oder nur mangelnde Konzentration. Sie betont die Diesseitigkeit des Sterbensprozesses. Auf dieser Ebene bleibt man mit dem realen Leben in Kontakt und bauen sich die Brücken in die Zukunft bereits im Geschehen des Sterbens auf.
  •  Auf einer weiteren Ebene ist es das Kind, das sich von seiner Mutter trennen und ihr beistehen muss: Ein letzter, schmerzensreicher Weg mit einem Menschen, der einen wirklich geprägt hat. Die radikale Umkehrung der früheren Rolle von Helfer und Hilfsbedürftigem überschattet diesen Abschied.
  • Auf einer weiteren Ebene ist es der glaubende Christ, der seine Mutter in die Hände Gottes befiehlt und gleichzeitig auch seinen Geist in die Hände Jesu übergibt.

Eigentümlich ist sicher, dass auch in einem Christen so starke und massive Trauer in diesen Abschiedsmomenten aufkeimt. Ich glaube gewiss, dass die Erlösten sich im neuen Jerusalem wiederfinden werden, dass dies eine frohe Zukunft ist. Das Ende des Lebens der irdischen Geburt bedeutet  nicht das Ende des Lebens überhaupt.

Solche Trauer ist nicht nur der Schmerz über den Abschied. Es ist mehr und es ist vielschichtig. Weil das Sterben eines Menschen mit dem man so verbunden ist wie mit seiner eigenen Mutter das eigene Sterben mahnend in Erinnerung ruft, darum schwingt im Hintergrund die Verbundenheit aller Menschen im Schicksal des Sterbens auf. Es ist eben nicht nur ein Mensch der geht: Nein, dieser Mensch ist ein Teil der Schicksalsgemeinschaft aller Menschen. Diese Trauer verbindet alle Menschen an einem Punkt miteinander, dem keiner entrinnen kann.
Darüber hinaus klingt noch eine weitere Dimension in diesem Geschehen mit. Es ist, als würde der Schmerz der Trauer auch ein Widerschein der himmlischen Trauer um einen geliebten Menschen sein. Es ist auch ein Widerhall der Trauer, die den Tempelberg in der Sterbestunde Jesu erbeben liess. Kein Mensch wurde ohne die Liebe seines Schöpfers in diese Welt geschickt. Kein Mensch geht ohne den Schmerz seines Schöpfers über seinen irdischen Tod aus dieser Welt. Niemand möchte den Tod mehr und nachhaltiger erledigt wissen als Gott selbst. Es ist diese Form der Trauer, die die Erlösten und den Erlöser im Angesicht des Todes vereint. Es ist ein Geheimnis, dass ausgerechnet in der Stunde der größten Trauer, dem Todesmoment Jesu, der Vorhang im Tempel zerrissen wird. Es ist der Vorhang, der bisher den Zugang zu Gott nur dem Hohepriester erlaubte. Trauer reisst solche Grenzen nieder weil Sie von Gott und vom Menschen gemeinsam erlebt werden kann, am deutlichsten überhaupt  in der Passion Christi.

Bei aller Verbundenheit mit anderen Menschen, mit Gott selbst bei aller unmittelbaren Nähe, die der Tod zum Erlösungsgeschehen hat: Er bleibt zuletzt ein  individuelles Drama. Jeder von uns ist ein eigener Gedanke, ein eigenes Werk Gottes, das den Weg der je eigenen, persönlichen Berufung in diesem Leben gehen muss. Und so ist es der mahnende, aus der Trauer erwachsende Ruf Gottes in meine eigene Seele, hinlockend zu meiner eigenen Berufung, die den wahren Sinn der Trauer ausmacht. Darin – in der Zuwendung zum Sinn des eigenen Lebens – liegt ihre Tiefe und ihre grosse Verheissung.
Dies wird auch aus Bibelstellen im Alten und Neuen Testament klar, wo der Trauer der ihr zustehende Raum wohl gegeben wird, wo aber auch ihre Grenze aufgezeigt wird. Sie soll nicht zum Herrscher des Lebens werden, die Trauer bleibt eine Mahnerin am Weg.
Im Alten Testament wird aufgezeigt, wie begrenzt die Reichweite der Trauer sein soll (Jesus Sirach 38,16–23):

„Mein Sohn, um den Toten lass Tränen fließen, trauere und stimm das Klagelied an. Wie es ihm zukommt, bestatte seinen Leib und verbirg dich nicht bei seinem Begräbnis. Weine bitterlich, mein Sohn, und klage vor Schmerz, und halte die Tauer um ihn, wie es ihm gebührt. Ein, zwei Tage, dass man dir nichts nachsagen kann; dann aber tröste dich über den Schmerz. Traurigkeit führt zum Tod, ebenso bricht Trübsinn die Kraft. Mit dem Begräbnis soll auch der Schmerz ausziehen; ein Leben voll Trauer greift an das Herz. Überlasse dein Herz nicht der Traurigkeit, weise sie zurück und denke an das eigene Ende. Vergiss nicht: Es gibt keine Rückkehr. Was kannst du ihm also nützen?
Dir aber schadest du. Denke daran: Was ihm bestimmt war ist auch deine Bestimmung,  gestern ihm und heute dir. Wie der Tote ruht, ruhe auch der Gedanke an ihn, tröste dich über ihn, wenn sein Leben erloschen ist.”

Im Neuen Bund, im Neuen Testament wird die Erlösung noch deutlich radikaler über den Tod gestellt. Der Sieg über den Tod ist das Wesen der Erlösung! Hier ist der Tod nur noch eine weltliche Realität, eine Art Restfaktor, der keine wirkliche Macht mehr über den Glaubenden hat. Das „Verwesliche” bleibt in dieser Welt der „Raupen” zurück wie der Kokon, in dem sich die Raupe zum Schmetterling verwandelt hatte. Die Trauer über einen Verstorbenen kann nur noch die Rolle des Helfers zum wahren Leben spielen. Paulus stellt dieses neue Leben in den Bogen der ganzen Heilsgeschichte und des Alten Testamentes und macht klar, woher die Rettung kam und kommt ((1. Korintherbrief 15,55–57):

„Wenn aber dies Verwesliche anziehen wird die Unverweslichkeit und dies Sterbliche anziehen wird die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht (Jesaja 25,8; Hosea 13,14): Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus!„

Bei Jesus ist Leben, mehr noch: Jesus ist das Leben. Darum darf nichts – und besonders nicht das Todesgedenken – dieses neue Leben in seine Schranken weisen oder behindern. Die Entscheidung für das neue unverwesliche und in Christus bewahrte Leben ist die wichtigste unseres irdischen Wandels. Auch die Trauer darf die Entschiedenheit nicht schwächen. Jesus bringt dies selbst sehr deutlich zum Ausdruck ((Matthäus 8,21.22):

„Ein anderer aber, einer von den Jüngern, sagte zu ihm: Herr erlaube mir, zuerst  heimzugehen und meinen Vater zu begraben. Jesus aber antwortete ihm: Folge mir, und lass die Toten ihre Toten begraben.”

In Jesus ist mein Leben wo es hingehört: Es ist unvergänglich, mein Name steht im Buch des Lebens geschrieben. Es ist ein tiefer  Trost in der Trauer, wenn Jesus, der Herr des Lebens (Ich bin das Leben…) das Werk vollendet ((Markus 3,13):

„Und er ging auf einen Berg und rief zu sich, welche er wollte, und die gingen hin zu ihm.”

Dieser Spruch ist ungeheuer tröstlich, denn im Glauben ist der Tod besiegt und die Trauer findet ihr Ende beim Herrn des Lebens. Gerade im Sterben – im „Absterben dieser Welt” offenbart sich die ganze Verheissung Jesu. Er ruft auf den Berg Zion, den Berg des Herrn, zu dem alle Völker pilgern. Er ist es, zu dem der Weg führt und er ist es, der auf diesen Weg ruft.
Gehen aber muss ich dann doch selbst…….

Wozu also hilft Trauer?

Trauer beginnt als Schmerz, aber sie ist ein Anruf Gottes.

Ihr Thema ist nicht der Abschied, der ihr den Anlaß liefert.

Ihr Thema und ihr Sinn ist die Hinwendung zu persönlicher Berufung,

zu  Leben mit Ursprung und Perspektive, zum  wirklichen Leben.

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