Weihnachten?


Nach langer Wartezeit (in der Bibel wird sein Kommen schon seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden angekündigt) wird der erwartete Erlöser der Welt, der König des Neuen Bundes, geboren. Aber es geschieht nicht in einem Königshaus, nicht in einem Priesterhaushalt, nicht im Haushalt eines Generals, nicht in einem reichen Haushalt, nicht in der “Upper Class”, sondern in der Familie eines einfachen Mannes mit einem Allerweltsberuf. Dass diese Familie eine lange und traditionsreiche Ahnenreihe hat, darauf wird in den Berichten in der Bibel zwar verwiesen, aber es beeinflusst das kärgliche Leben ihrer Mitglieder nicht. Die Familie muss bürokratischen Ansprüchen der herrschenden Macht nachkommen und auf die Reise gehen; das Kind wird in einem Stall geboren, weil in den regulären Unterkünften am Bestimmungsort (Bethlehem) Überfüllung herrscht. Die einzigen, die die Geburt bemerken und dem Kind seine Aufwartung machen sind ausländische Gelehrte und Hirten; beide mussten durch himmlische Zeichen auf das Geschehen aufmerksam gemacht werden. Die Hirten wurden von Engeln herbeigerufen und die Weisen aus dem Morgenland wurden von aussergewöhnlichen astronomischen Beobachtungen auf den Weg geführt. Ohne himmlische Hilfe wäre keine der in der Weihnachtsgeschichte handelnden Personen irgendeinen Schritt auf den neuen König zugegangen.

Verborgen im alltäglich-banalen Betrieb einer geschäftigen Welt: So kommt Gott in dieser Welt an. Das ist heute auch so. Die Welt dreht sich einfach unbeeindruckt weiter. Es gab kein Glockengeläut, keine Fahnen, keine Prozessionen, einfach nichts wird wahrnehmbar anders. Das ist heute auch so. Und: Der Sohn Gottes wird einfach übersehen: Er wird nur von Menschen erkannt, denen die Augen auf jeweils spezifische, aber auch jeweils geheimnisvolle Weise durch das Wirken Gottes geöffnet wurden. Das ist natürlich befremdlich für den modernen Menschen, dessen größter Kulturfortschritt ja die Erkenntnis der Welt ist und der sich selbst niemals so wirkungslos in Szene setzen würde. Diese Botschaft liegt darum nicht nur quer zu damaligen und heutigen Erwartungen zur Erlösung (nicht “Verbesserung”) der Welt, sie liegt auch quer zu der Art und Weise wie das durch Christi Kommen beglückte christliche Abendland dieses Geschehen zu “Weihnachten” begeht.


Diese Botschaft ist anstössig. Diese Botschaft liegt “quer”. Damals wie Heute.


Weihnachten stört uns und irritiert uns, weil wir jedes Jahr hektisch in Kaufhäusern und Geschäften, auf Weihnachtsfeiern und Weihnachtsmärkten nach ihm suchen. Aber da ist es nicht…..
 

Weihnachten stört uns, weil es Geld kostet, Zeit raubt und doch hartnäckig unerreichbar bleibt: Alle Jahre wieder…

Weihnachten ist anstössig, weil wir es nicht machen können. Gott hat es gemacht, wie Er es für richtig hielt. Weihnachten kann nicht von Menschen gemacht werden. Es ist kein Produkt.

Weihnachten ist anstössig, weil es jedes Jahr im Kalender steht, aber sein Wesenskern unserer Kontrolle entzogen ist: Es ist eine Beleidigung des modernen, hoch entwickelten Adam (und auch seiner Eva), dass Er (Sie) jemanden braucht, der Ihm (Ihr) die Augen öffnet….

Weihnachten ist anstössig, weil es nicht sein kann (nicht sein darf?), dass Gott in der Welt erscheint, aber niemand Ihn wahrnimmt.

Weihnachten ist aber auch anstössig, weil es nicht sein kann (nicht sein darf?), dass Gott in der Welt erscheint und die Welt nicht sofort ausbessert….

Weihnachten ist anstössig, weil es nicht sein kann (nicht sein darf?), dass wir so viel Aufwand treiben, um echtes Weihnachten zu haben und haben es doch nicht…..


Was tun mit Weihnachten, mit der Erscheinung Jesu in der Welt?


Eine Möglichkeit ist es, den Skandal und die Herausforderung von Weihnachten zu ignorieren, sich auf Konventionen (das gibt große Sicherheit; man ist ja “normal”) zu stützen und das Weihnachtsfest irgendwie “wie immer” und auf jeden Fall “normal” zu gestalten. Wichtig ist dabei ausreichend große und hektische Geschäftigkeit (Wohnungsschmuck, Christbaum, Geschenke, Briefe, etc….) und ein minimaler Termindruck; diese Voraussetzungen sind zwingend erforderlich für ein konventionell erfolgreiches Weihnachten.

Eine Möglichkeit ist es, das anstössige und für unser Selbstbewusstsein so sperrige Geschehen in Unmengen an Zuckerwatte zu verpacken, zu verkitschen und so zum zuckersüßen Weihnachtsklima beizutragen. Das war lange gut, ist inzwischen aber deswegen keine echte Lösung mehr, weil der von Coca Cola in die Welt gesetzte Weihnachtsmann (Santa Claus) als Marketing- und Stimmungskanone viel besser einsetzbar ist.

Eine Möglichkeit ist es, auf die in den Weihnachtsberichten noch nicht erwähnte – sozusagen noch ausstehende – “Ausbesserung” der Welt zu verweisen und dem – an dieser Stelle wohl etwas pflichtvergessenen – Jesus direkt und tatkräftig zur Hand zu gehen.

Eine Möglichkeit ist es, den Stein des Anstosses selbstbewusst und im Wissen um die eigene Reife und Unabhängigkeit vollständig vergessen zu machen und dem Weihnachtsfest nach vielen traumatischen Jahren endgültig den Rücken zu kehren. Als Alternativen bieten sich Feten jeder Art und natürlich Erholungsurlaube (unter der Sonne, im Schnee, etc.) an.

Eine selten genutzte Möglichkeit ist es, im eigenen Herzen und Leben in großer Stille und mit ehrlicher Sehnsucht nach dem unscheinbaren Ort “Bethlehem” zu suchen, in dem Gott im Leben eines jeden Menschen – jeweils spezifisch und jeweils geheimnisvoll – Gestalt angenommen hat. Dieses Verhalten akzeptiert, dass es einer “Offenbarung” auf dem Weg bedarf. Es erwartet und erbittet die Wegweisung zum Ort des Geschehens und in das Geheimnis, das sich dem Verstand und dem Willen alleine nicht erschliesst. Es vertraut auf “Suchet, so werdet ihr finden”. Ein solches – in den Augen vieler Menschen dümmliches und anstössiges – Verhalten wird “demütig” genannt. Jeder Mensch kann das. Es gibt viele Möglichkeiten, es trotzdem nicht zu tun.

In allen Berichten der Bibel zum Kommen Jesu in diese Welt ist das Skandalon des Weihnachtsgeschehens enthalten. Das Skandalon ist wesentlicher Kern der Weihnachtsbotschaft, unabhängig vom Detailreichtum der jeweiligen Überlieferung.

Johannes ist der Evangelist, der die Essenz der Weihnachtsbotschaft am stärksten aufkonzentriert hat. Sein Weihnachtsgeschehen beschreibt den “Stein des Anstosses”, aber auch die Verheissung von Weihnachten. Er sagt, wer Christus ist, wie er in die Welt kommt, wie er verkannt und verworfen wird und wie das universelle Ereignis seines Kommens zu meinem persönlichen Weihnachten werden kann; damit sagt er auch, wer ein “Christ” ist. Seine Weihnachtsbotschaft (Joh. 1, 9-14) ist “anstössig” kurz und klar:

9 Das Wort (Christus) war das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet; es kam in die Welt

10 Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, und die Welt hat ihn nicht erkannt.

11 Er kam in sein Eigentum und die Seinigen nahmen ihn nicht auf.

12 Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben,

13 die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.

14 Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, eine Herrlichkeit, wie sie der einzige Sohn vom Vater hat, voll Gnade und Wahrheit.
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